Rund um die Uhr im Einsatz im Regel-Chaos

Claudia Stadler navigiert ihre Kanzlei cSt causa und ihre Klienten durch die Flut sich permanent ändernder Richtlinien.

Steuerberater und Lohnverrechner sind angesichts von Corona-Kurzarbeit, Zuschussansuchen etc. gefragt wie nie.

Alles anders. Augen auf bei der Berufswahl – an diesen Warnspruch dürfte sich viele Steuerberaterinnen und Steuerberater derzeit häufig erinnern. Denn mit der Coronakrise ist ihre schon zuvor nicht geringe Arbeitsbelastung nahezu explodiert. Regelungen, die sich permanent ändern – von Kurzarbeit über Ansuchen um Corona-Hilfe bis neue Steuerbestimmungen-, fordern die Experten extrem. Claudia Stadler, Eigentümerin und Chefin der Wiener Kanzlei cSt causa, weiß davon ein Lied zu singen: „Es ist unglaublich viel mehr Aufwand.“ Nicht selten schlage man such die Nacht um die Ohren mit dem Inhalieren einer neuen Verordnung – um am nächsten Morgen mit der Ankündigung konfrontiert zu sein, dass sich ein paar entscheidende Details doch noch einmal ändern werden.

Boutique – Kanzleien scheinen ein Auslaufmodell zu werden

Spagat. Als Kanzleichefin hat Stadler den täglichen Spagat zu bewältigen zwischen den oft eiligen Bedürfnissen ihrer Klienten und einer zumutbaren Belastung für Ihre eigenen Mitarbeiter. Insbesondere die kleinen und mittleren Kanzleien stünden vor enormen Herausforderungen hinsichtlich Zeitmanagements. In der Branche werde das mittelfristig dazu führen, dass nur die Big Player und Nischenanbieter etwa für Finanzstrafverfahren übrig bleiben: „Boutique – Kanzleien im Sinne einer individuellen Beratung scheinen ein Auslaufmodell zu werden“, fürchtet Stadler (siehe Interview: Link) Die Corona – Hilfen der Regierung findet Stadler „von den Ideen und der Intention her super“. Die Umsetzung allerdings sei „teilweiße katastrophal“, weil extrem bürokratisch. Das führe dazu, dass viele, die die Unterstützung wirklich brauchen, sie schwer oder gar nicht bekommen

 

Interview

Umsetzung der Corona-Hilfen iost entsetzliche Bürokratie

Steuerberaterin Claudia Stadler über Arbeitsaufwand in Covid-Zeiten und Auswirkungen auf die Branche.

Insider: Wie viel Mehraufwand geht derzeit bei Ihnen in den Lohnverrechnungsbereich im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit?

CLAUDIA STADLER: Die Lohnverrechner sind absolut gerechtfertigt nur mehr mit Samthandschuhen anzufassen: Es ging ohne Pause nach dem Jahresendarbeiten 2019, die mit Februar 2020 abzuschließen waren, in die Covid-Phase im März über. Das war absolutes Neuland für alle: täglich sich ändernde Abrechnungsmodi, ein Nachhinken und Abwarten der EDV-Leute, um mit dem Programmieren nachzukommen, gepaart mit dem 13.Gehalt im Juni und September abzuwickelnden Aufrollungen aufgrund des herabgesetzten Eingangssteuersatzes. Der Aufwand ist verdreifacht, vervierfacht… Den man aber als Kapitän einer Kanzlei in Balance halten muss: nämlich zwischen Bedürfnissen der Kunden und dem noch machbaren Zeiteinsatz der Mitarbeiter – damit keine der beiden Parteien das Handtuch wirft.

Insider: Wie sieht generell der Arbeitsaufwand aus bei Ihnen verglichen mit „früher“?

CLAUDIA STADLER: Es ist unglaublich viel mehr Aufwand für Experten und leider ein merklicher Anstieg von nicht verrechenbaren Stunden. Und es muss sogar Personal abgebaut werden – da es um nicht eigenverantwortlich arbeitende Mitarbeiter, denn es ist zeitlich null Spielraum für Schulungen.

Insider: Wie bewerten Sie aus jetzt mehrmonatiger Erfahrung die Hilfsmaßnahmen der Regierung aus der Sicht Ihrer Klienten?

CLAUDIA STADLER: Von den Ideen und der Intention her super, von der Umsetzung und von den vorgelegten Ausführungsrichtlinien her teilweiße katastrophal.

Insider: Welches ist Ihr Hauptkritikpunkt an der Umsetzung der Corona – Hilfe?

CLAUDIA STADLER: Heiße Luftblasen von unbürokratischer Hilfe für alle – aber in der tatsächlichen Umsetzung ist es eine entsetzliche Bürokratie. Das hat Auswirklungen genau auf jene, die die Hilfe wirklich brauchen – sie bekommen sie schwer bis gar nicht. Warum? Viele können sich die Beratung dafür gar nicht leisten, sind selbst aber von der eigenen Ausbildung her auf die Abwicklung der Inanspruchnahme von Corona – Hilfsmaßnahmen nicht vorbereitet, da es ja nicht ihre Kerngeschäft ist.

Insider: Könnte man nicht sagen, dass die aktuelle Zeit sehr gut für Steuerberater & Co ist, weil diese Berufsgruppe mehr denn je unentbehrlich ist?

CLAUDIA STADLER: Es ist eine sehr eigene Zeit: viele Berufsanwärter in unserer Branche stehen sogar als Mitarbeiter über das AMS zur Verfügung (leider keine ausgebildete Lohnverrechner!) – die betreffenden Personen kommen tendenziell von den Big Playern oder ähnlichen großen Wirtschaftstreuehandgesellschaften. Aberwitzig ist zu erkennen, dass diese Bewerber, herausgelöst aus den großen Häusern, niemals mit Covid – Zuschüssen oder Unterstützungshilfen zu tun ahtten. Weil eben die Klientel dieser großen Häuser maximal noch die Kurzarbeit beanspruchen, somit die Lohnverrechnung, aber der Rest der Klientel sich weit weniger mit Fixkostenzuschüssen, Härtefallfonds und der gleichen abplagen muss.

Insider: Was bedeutet das für die Steuerkanzlei?

CLAUDIA STADLER: Da kommt die Spirale ins Drehen: Die kleineren und mittleren Steuerberatungsgesellschaften mit 20 bis maximal 30 Dienstnehmer wissen nicht mehr, wie sie alles bewältigen sollen – und irgendwas bleibt auf der Strecke: entweder Mitarbeiter, die das Handtuch werfen, oder einige wirtschaftlich Covid-geschädigt Kunden, die ähnliche lange auf das Abarbeiten durch uns warten müssen, wie bei einem Anruf bei der Hotline des AMS. Viele unserer Kollegen des Mitbewerbs treibt es daher zu Zusammenschlüssen. Es scheint, dass kleinere Kanzleien es ungleich schwer haben, das Zeitmanagement erfüllen zu können.

Insider: Welche Auswirkungen hat das?

CLAUDIA STADLER: Wohin uns das alle in dieser Branche noch führt, kann ich mir schon vorstellen – es werden die Big Player übrigbleiben und als Petersilie einige Nischenanbieter – sei es für Finanzstrafverfahren oder dergleichen. Boutique – Kanzleien im Sinne einer individuellen Beratung, ähnlich einem praktischen Arzt – die getreu dem Motto arbeiten, die Kunden von der Wiege bis zur Bahre zu betreuen-, scheinen ein Auslaufmodell zu werden.

(siehe: Insider, S. 32-33 – Ausgabe 9. September 2020, A.Sellner)